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Meine Ankunft in Brasilien

Letzten Donnerstag wurde ich von Kátia und Edenésio vom Flughafen abgeholt. Das war so: Die Schlange vor der Passkontrolle kam mir schier unendlich vor. Doch nach fast einer Stunde Wartezeit konnte ich endlich, offiziel als Touristin, die Ankunftshalle betreten. Ich konzentrierte mich auf die Schilder, die die Wartenden in die Luft hielten. Natürlich war ich gespannt, wer mich erwarten würde. Doch ich konnte nirgendwo meinen Namen entdecken. Ziemlich erschöpft und mit schmerzenden Füssen wollte ich bereits die Telefonnummer von Kátia hervorkramen, als ich ganz hinten an der Wand einen Mann entdeckte, der ein Papier mit meinem Namen in der Hand hielt. Erleichtert ging ich auf unseren späteren Fahrer zu und lernte bald darauf Kátia kennen.

 

Kátia, die als Sozialarbeiterin im Kinderrechtszentrum arbeitet, ist nun meine Mitbewohnerin. Das heisst, sie hat sich bereit erklärt mit mir ihre Wohnung zu teilen. Wir wohnen in der Vila da Paz (paz = Frieden), einer sogenannten urbanisierten Favela (favela = Armenviertel) im Bezirk Capela do Socorro, der sich in der Südzone der Megalopolis São Paulo befindet.

 
Kátia (vorne links) im Kinderrechtszentrum Interlagos
 

Die Region heisst Interlagos und zählt über eine Million Einwohner. Interlagos liegt zwischen zwei Stauseen, die einen Teil der Wasserversorgung von São Paulo sichern. Darum wurde Interlagos anfangs der 70-er Jahre zur ökologischen Schutzzone erklärt, um die Qualität des Wassers zu garantieren. Zur gleichen Zeit entstand aber am Rand von Interlagos einer der wichtigsten Industriepole von São Paulo. Tausende von Menschen, die durch den Industrialisierungsprozess angezogen wurden, fanden Arbeit und suchten in der Nähe einen Ort um wohnen zu können. Innerhalb weniger Jahre wurde in Interlagos das gesetzlich geschützte Gebiet zur Region mit der grössten Konzentration von Elendsvierteln und illegalen Besetzungen. Heute zählt Interlagos über dreihundert Elendsviertel.

 

Die Vila da Paz liegt eingeklemmt zwischen der Avenida de Interlagos, einer mehrspurigen, stark befahrenen Strasse und einem durch industrielle und häusliche Abwässer verschmutzten, biologisch toten Fluss (Rio Pinheiro). Hinter dem erwähnten Fluss erhebt sich eine tropischgrüner, überwucherte Hügel, den ich fälschlicherweise mit einer Erholungszone verwechselte. In Wahrheit ist es nämlich eine frühere Mülldeponie. In der Nähe unserer Vila befindet sich der Autódromo, wo jährlich im Herbst der weltbekannte "Grosse Preis von Brasilien" im Formel 1-Rennsport stattfindet.

 

Die Lebensqualität in der Vila da Paz empfinde ich als tief. Das Zentrum von São Paulo liegt eine Stunde von uns entfernt, die Lärmbelästigung durch den Verkehr und durch den Autódromo ist hoch und die Luft stinkt merklich nach Abgasen. Ich sehne mich bereits jetzt nach einem Park oder irgendeiner Grünzone. Am kommenden Wochenende werde ich darum auch einen solchen Ort mit dem Bus aufsuchen, um mich etwas zu erholen.

 
Vila da Paz - Region von Interlagos - Südzone von São Paulo
 

Wir wohnen in einem siebenstöckigen Block. Die ersten Blöcke wurden vor etwa sieben Jahren errichtet. Vorher war die Favela da Paz ein Barackenviertel. Heute existieren nur noch Teile der alten Besiedlungsstruktur. Der Mietzins der Wohnungen in den Blocos beträgt ungefähr 50 Reais, dass entspricht etwa 30 Schweizerfranken. Die Kosten für den Strom fallen oft höher aus als der Mietzins, wie mir Kátias Mutter erklärte. Sie lebt in einer kleinen 3-Zimmerwohnung im Parterre desselben Hauses wie wir. Zwei Töchter, davon eine mit ihrem Verlobten, leben mit ihr zusammen. Die jüngere Tochter, die erst sechzehn Jahre alt ist, hat vor einem Monat einen Sohn geboren, der im Moment den Mittelpunkt der Familie bildet.

 

Am Abend trifft sich die ganze Familie, dazu gesellen sich oft noch die Tante von nebenan, Nachbarskinder und Nachbarinnen. Es wird geschwatzt und anteilgenommen an den Freuden und Leiden des Lebens des Anderen. Daneben läuft im Wohnraum die ganze Zeit der Fernseher. Das brasilianische Fernsehen strahlt praktisch rund um die Uhr "telenovelas" aus, die von der Mehrheit der Brasilianer regelmässig verfolgt werden.

 

Ich schaue nun auch täglich nach der Arbeit bei der Familie von Kátia vorbei und werde fast jedes Mal freundlich gefragt, ob ich bereits gegessen hätte. Meistens bejahe ich die Frage, weil ich am Abend nicht eine ganze Mahlzeit, in der Regel sind es Fleisch, Bohnen und Reis, zu mir nehmen möchte. So gehe ich dann oft nach einem Schwatz hoch, um mir eine sonnenwarme Dusche zu gönnen.

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Ciao