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Mit heftiger Wucht...
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"Shopping Interlagos", "Vila Mariana"… Ich stehe wartend an der Bushaltestelle
und lese mit aufmerksamem Blick die Schilder der vorbeizischenden Busse.
Wer einsteigen will, muss sich beeilen, der Bus hält nur kurz an. Ruckartig
fährt er sofort wieder los. Im Bus bleibt keine Zeit, das nötige Kleingeld
hervorzukramen, man muss sich möglichst rasch irgendwo festhalten, um
nicht hinzufallen. Am Morgen früh ist dies allerdings kaum möglich, weil
der Bus hoffnungslos überfüllt ist. Trotzdem lässt der "motorista" immer
wieder Leute einsteigen, die sich unerschrocken in die Masse hineindrängen,
solange bis die Letzten auf den Trittbrettern stehen und sich die Türen
nicht mehr schliessen lassen. "Jabaquara", schnell steige ich ein. Während
der dreiviertelstündigen Fahrt bis zur ersten Metrostation im Süden São
Paulos werde ich stehenbleiben. "Posso segurar sua bolsa?", fragt mich
eine sitzende Frau, die darauf meine Tasche mit den Büchern auf ihren
Schoss nimmt. Immer wieder verblüfft mich die freundliche Aufmerksamkeit
der brasilianischen Bevölkerung, so schön! Für alte Menschen, schwangere
Frauen und kleine Kinder sind im Bus spezielle Plätze reserviert. Diese
werden mit grosser Selbstverständlichkeit an die Betreffenden freigegeben.
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Der Verkehr der Avenida Interlagos
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Wie bereits gesagt, muss man das Busbillett im Bus kaufen. Das Drehkreuz
reicht in den Bussen bis fast zum Boden, daneben sitzt der "cobrador".
Immer wieder beobachte ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die vor
den Augen des Verkäufers unter diesem Drehkreuz hindurchkriechen. Sie
können das Busbillett nicht bezahlen und jeder im Bus weiss es, auch der
Billettverkäufer. Er lässt sie passieren. Doch können sie dies nicht im
aufrechten Gang tun. Nein, sie müssen sich flach auf den Boden legen und
unter dem Drehkreuz durchkriechen. Jedes Mal keimt in mir Empörung auf.
Es ist so entwürdigend. Oberflächlich betrachtet wird die geltende Norm
nicht verletzt, da der "cobrador" das Drehkreuz nicht drehen lässt. Dies
entpricht der Vorschrift der Busfirma. Gleichzeitig wird aber der Regelbruch
der unbezahlten Fahrt toleriert, indem die Betroffenen "unbemerkt" untendurchschleichen…"O
que fazer? Was soll man da tun?", drückt der "cobrador" seine Hilflosigkeit
gegenüber der Situation aus. Es ist eine Scheinlösung, die sich eingebürgert
hat, eine von vielen Scheinlösungen im brasilianischen Alltag.
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Avenida Paulista - Finanzzentrum von São Paulo
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Beim Busbahnhof Jabaquara angekommen, steige ich um in die Metro, die
mich in weiteren 45 Minuten in die Zona Oueste von São Paulo bringen wird.
Dort werde ich nach einem zwanzigminütigen Spaziergang dann endlich die
PUC (Pontifícia Universidade Católica de São Paulo) erreichen, um als
Gasthörerin an einem Fach der Sozialen Arbeit teilzunehmen. Die PUC ist
eine katholische Universität, eine der renommiertesten von ganz Südamerika,
wo über 20 000 Studenten studieren. Sie wird, wie die meisten Universitäten
und Fakultäten in Brasilien, privat und nicht staatlich betrieben. Das
heisst, wer studieren will, muss ganz schön tief in die Tasche greifen.
Pro Semester zahlt ein Student ungefähr zwischen 3000 bis 3600 Schweizerfranken!
Die Mehrzahl der Studenten arbeitet darum durch den Tag und studiert abends,
um überhaupt studieren zu können. Meistens reicht dieses Einkommen jedoch
nicht, um ein Studium an der PUC finanzieren zu können. So sucht man sich
eine andere Uni, die billiger ist, die Qualität des Studiums scheint dabei
aber stark zu varieren. Der Zugang zu den wenigen öffentlichen Univerisitäten
ist einer Elite vorbehalten, die in den teuren "colégios" entsprechend
auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet wird. Wer die obligatorische Schulzeit
in der öffentlichen Schule zugebracht hat, hat eine weitaus schlechtere
Grundausbildung erhalten. Kurz und spitz formuliert, heisst das: Wer Geld
hat studiert an der billigeren, öffentlichen Uni. Wer kein Geld hat, wird
eher Mühe haben, sich ein Studium verdienen zu können. Lehrstellen sind
auch ganz schwierig zu finden, so dass viele Jugendliche von Anfang an
ohne Aussicht auf eine Ausbildung arbeitslos bleiben…
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Andrea und Kátia
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Da ich die zweistündige Anreise zur Uni und am Nachmittag wieder zurück
ganz schön anstrengend fand, habe ich nach einer Lösung gesucht und diese
auch gefunden. Ich kann nun am Donnerstagabend bei Bekannten in der Nähe
des Zentrums übernachten und den Morgenanfang so etwas mehr auskosten.
Für die die meisten "paulistanos" ist es jedoch völlig normal, täglich
mehrere Stunden für den Arbeitsweg zu investieren, dies vor allem auch
weil es während der "rush-hour" nur im Schneckentempo vorwärts geht.
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Vila da Paz
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Letzten Donnerstagabend wurde ich auf dem Weg zu meinen Bekannten in
Santa Cecilia von einem Strassenkind angesprochen. Im Gespräch erzählte
mir Thiago, 13 Jahre alt, dass seine Mutter eine Behinderung hat und sein
Stiefvater ihn von zu Hause weggeschickt hat. So nebenbei, wer in Brasilien
wegen einer Behinderung nicht arbeiten kann, erhält einen "salário mínimo".
Dieser beläuft sich auf etwa 380 R$ pro Monat. Das sind ungefähr 240 Schweizerfranken.
Das reicht schlicht und einfach nicht zum Leben. Wer derart um seine Existenz
kämpfen muss, greift nicht selten zum Alkohol und wird depressiv. Viele
der Stassenkinder müssen mithelfen, Geld zu verdienen. Die Furcht vor
Schlägen (wenn sie ohne Geld nach Hause kommen) und die insgesamt schwierige
Situation zu Hause treiben die Kinder in das Leben auf der Strasse. "Ich
möchte mir etwas zu essen kaufen. Der Chinese gibt mir zusätzlich zur
'comida' einen Pudding…Nach dem Essen gehe ich bestimmt schlafen." Thiago
schaut mich treuherzig an. "Wo wird er wohl schlafen?", frage ich mich.
Ein Begegnung, die mich mit heftiger Wucht mitten ins Herz trifft.
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Andrea mit Kindern des Projektes 'Ação
Família'
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