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Stimmen aus der Favela (Armenviertel)

Den heutigen Sonntagnachmittag habe ich zusammen mit Sandro in der Favela Iporanga verbracht. Sandro lebt in dieser Favela und arbeitet in unserem Familienprogramm und gehört zur Equipe, welche die Familien direct begleiten (agentes de proteção social). Nach einem Spaziergang durch die Favela machen wir Halt bei einem Häuschen, wo eine gute Freundin von Sandro wohnt. Vor dem Spaziergang hatte mir Sandro geraten, dass ich niemandem verraten sollte, dass ich aus der Schweiz komme. Fernanda, 18-jährig, ist gerade damit beschäftigt den Kindern ihrer Schwestern die Haare zu zöpfeln. Jeden Sonntag wird diese Zöpfelfrisur neu gemacht. Bald einmal erscheint Fernandas Mutter und fragt Sandro lachend, wer ich sei. Er antwortet zögernd, dass er mit mir etwas unterwegs sei. Die Mutter meint darauf, es sei wohl so, dass er mir die Favela zeigen würde. Die meisten Familien hier seien dunkler Hautfarbe, sagt sie darauf zu mir und deutet auf ihre schwarze Hautfarbe. Sie ist Baiana (Bahia = Bundesstaat im Nordosten Brasiliens), wie ich später erfahre. Das Eis ist gebrochen. Ich erwidere ihr Lächeln und erkläre ihr, wer ich bin. Darauf erlebe ich einen wunderschönen Nachmittag. Wiedereinmal mehr merke ich, dass sich gerade die Menschen in den Favelas nicht täuschen lassen und sich über einen aufrichtigen Kontakt freuen.

 

Die Mutter und der Sohn fangen mit mir ein reges Gespräch an. Die Mutter, die sieben Kinder aufgezogen hat, erzählt von ihrem Leben. "Ich wohne gerne hier, denn hier fühle ich mich meinem Volk nahe." Ist es genau das, was ich oftmals fühle, wenn ich in das Leben einer Favela eintrete? Ich glaube ja. Wir, die Mutter, drei Schwestern, deren Kinder, ein Bruder, Sandro und ich sitzen auf kleinem Raum beieinander und unterhalten uns. Es ist ein Austausch zwischen zwei Kulturen, zwei verschiedenen Welten. Wir lachen viel, ziehen einander auf , diskutieren ernsthaft, werden laut, streiten um unsere Meinungen, um bald wieder in Gelächter und in Gekreische auszubrechen. Mensch sein, menschlich sein, einander versuchen zu verstehen in dieser einzigen Welt… Dies gelingt uns in diesen Stunden. Obwohl ich mir schwer vorgenommen habe, weniger zu essen, lasse ich mich dann doch noch zu einem späten Mittagessen überreden. Nach einem "cafezinho" verabschieden wir uns, viel später als ich gedacht hätte, es ist schon am Eindunkeln. Die Familie hat sich über den Kontakt mit mir sehr gefreut, ich mich auch. Es war eine dieser Begegnungen, die speziell sind und im Gedächtnis haften bleiben.

 
 

Das CEDECA Interlagos (Kinderrechtszentrum Interlagos) arbeitet mit Menschen aus den drei folgenden Stadtbezirken des Südens von São Paulo: Cidade Dutra, Grajaú und Parelheiros. In Parelheiros leben über 100.000 Menschen, über 77% davon leben in grosser bis sehr grosser Armut. Nur 6% der Bevölkerung gehen einer formalen Arbeit nach. Mehr als 80% der Häuser haben keine geregelten Abwasserabflüsse. Gravierende Umweltverschmutzungen (offene, stinkende Abwässer, herumliegender Abfall) gefährden die Gesundheit der Bevölkerung. Das ganze Territorium der Favela Grajaú befindet sich in einer wegen desTrinkwassers geschützten Zone. Von den über 300.000 Bewohnern leben ca. 70% in grosser bis sehr grosser Armut. Sie leben in Situationen mit den bereits oben erwähnten Risiken. Die Familien sind kinderreich. Die Familienverantwortlichen haben eine niedrige Schulbildung, ein Viertel der "chefes da família" sind Frauen. In der Cidade Dutra, wo unser Familienprogramm etwa 2000 (!) Familien begleiten soll, leben etwa 200.000 Menschen davon über ein Drittel ebenfalls in ärmlichen bis elenden Verhältnissen. Die Konstruktion der beiden Stausee von Interlagos (Represa Guarapiranga und Represa Billings) zog eine grosse Anzahl Industrien in die Region an. Auf der dringenden Suche nach Arbeit wuchsen die unbewilligten Siedlungen in den erwähnten Bezirken schnell und ungeordnet an.

 
 

Die folgenden Aussagen stammen von Bewohnerinnen und Bewohnern aus diesen peripheren Regionen. Es sind Auszüge aus Gesprächen oder Gruppensitzungen, die ich notiert habe. Es sind Mosaiksteinchen des Alltags, doch lassen sie uns das gesamte Bild etwas erahnen:

 

"Ich bin Analfabetin (33 Jahre alt). In der 2. Klasse habe ich mit der Schule aufgehört, denn ich musste der Mutter im Haushalt helfen. Wir waren viele Kinder. Mit zwölf Jahren begann ich als Hausangestellte bei einer Familie zu arbeiten. Diese Woche werde ich nun mit einem Lese -und Schreibkurs anfangen. Mein Mann ist damit auch einverstanden. Jetzt will ich das endlich lernen. Ich schäme mich oft zu sagen, dass ich nicht lesen und schreiben kann."

 

"Mir hat am Theater (zum Thema "Häusliche Gewalt") gefallen, dass die Frau gemerkt hat, dass es sich nicht lohnt Schläge einzustecken. Ich mochte es, dass sie von ihrem Mann wegging. Wenn mein Mann betrunken nach Hause kommt und mich schlägt, mache ich das auch so."

 

"Frau zu sein, ist heute ein bisschen kompliziert. Ich finde mich eine Superfrau, denn ich ziehe meinen Sohn ganz alleine auf. Ich bin von niemandem abhängig. Nicht nur ich bin eine Superfrau, sondern alle alleinerziehenden Frauen."

 

 
"Ich habe meine vier Töchter alleine gross gezogen. Jede hat einen anderen Vater."
 

"Meine Schwester ist Alkoholikerin. Wenn sie betrunken ist, fällt sie die steile Treppe hinunter und verletzt sich. Manchmal muss ich sie dann ins Spital bringen." Ich leide an einer Depression. Jetzt ist es zwar schon viel besser. Doch mein Sohn (13 Jahre alt) ist jetzt auch depressiv und kann oft nicht gut schlafen."

 
"Ich wurde von meinem Vater über Jahre sexuell missbraucht."
 

"Die Frau von heute arbeitet gleichviel oder mehr als der Mann. Die meisten Frauen arbeiten auswärts und müssen nach der Arbeit noch den Haushalt besorgen. Der Traum einer Frau (ihr Traum?) ist es eine Ausbildung zu absolvieren, am liebsten im Bereich der Administration."

 

"In unserer Favela (Iporanga) kannst du die Haustür offen lassen. Es stiehlt dir niemand etwas. Tut es trotzdem jemand, wird er zusammengeschlagen, von der Gemeinschaft ausgeschlossen oder manchmal sogar umgebracht."

 
 
"Der Drogenhandel gilt hier als ziemlich normale Arbeit."
 

"Auf meinem Dach handeln sie in der Nacht mit Drogen. Ich habe manchmal Angst, doch ich versuche zu schlafen." "Die Polizei ist in den Drogenhandel involviert. Man kann ihnen nicht vertrauen."

 

"Bis jetzt haben uns die Drogenhändler respektiert, doch mit den Zuzügern aus Iporanga hat sich das Klima des Drogenhandels bei uns verschärft. Sie versuchen nun Kinder in das Drogengeschäft zu verwickeln. Und sie verstecken Drogen in den Mauern und unter den Dachziegeln unserer Häuser. Wenn wir reklamieren, schimpfen sie und bedrohen uns. Die "Prefeitura" hat diese Durchmischung zu verantworten." (Häuserenteignung und "Zwangsumzug" in ein anderes Quartier)

 

Gemüseverkäuferin: "Ich bin vor zwanzig Jahren hierher gezogen. Vom Bundesstaat Paraíba bis hier reist man drei Tage mit dem Bus. Fast alle die in der Favela leben, kommen aus dem Nordosten des Landes. Damals gab es hier (in São Paulo) noch genügend Arbeit, das ist heute ganz anders. Wenn ich keine Verwandten in Paraíba hätte, ginge ich nie mehr dorthin zurück. Weisst du, dort leiden die Leute Hunger und haben oft gar nichts zum Anziehen."

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