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Als angehende Sozialarbeiterin in Brasilien

Wahrscheinlich wird dies mein letzter öffentlicher Tagebucheintrag. Mitte Juli, 23 Wochen nach meiner Ankunft, werde ich Brasilien schweren Herzens verlassen und in die Schweiz zurückkehren. Ich habe mich an das hiesige Leben gewöhnt und schätze seine vielen Vorzüge: die Vielfalt der Früchte, der tägliche Reis, das frittierte Maniok, die schwungvollen Tanznächte, das angenehme Klima und vieles andere mehr...

 

Über allem steht aber das einzigartige Lebensgefühl, das mir dieses Land vermittelt. Was ist daran so speziell? Ich habe die Brasilianer als offene, spontane und unkomplizierte Menschen kennengelernt. Ihr Umgang ist von Herzlichkeit, Fröhlichkeit und Mitgefühl geprägt. Die ungezwungene Art, die Kontaktfreudigkeit und die enorme Hilfsbereitschaft vieler Brasilianer machen mein Wohlbefinden in diesem Land aus. Die Mitmenschen, egal, ob sie mich kannten oder nicht, kümmerten sich oftmals in einer so grosszügigen und selbstlosen Art um mich, dass ich es manchmal kaum glauben konnte. Ich weiss nicht genau, wie diese Aussagen bei den LeserInnen dieses Textes ankommen, aber es ist nun bereits das zweite Mal, dass ich in Brasilien ein halbes Jahr an Ort lebe, und ich wage zu behaupten, dass ich dieses Mal die rosarote Brille abgelegt habe und viele Dinge mit kritischerem Blick wahrnehme. Doch die Lebenslust, die ich in diesem Land verspüre, ist die Gleiche geblieben.

 
Im Kinderrechtszentrum Interlagos
 
Oftmals wurde mir in der Annahme ich sei Brasilianerin weitergeholfen, wurde ich als Ausländerin erkannt, freuten sich fast alle über einen Kontakt mit einer Europäerin. In einem Land, wo Indianer, Afrikaner, Europäer und Asiaten zu einem brasilianischen Volk verschmolzen sind, fällt eine "weisse", grünäugige Frau mit hellbrauner Haarfarbe kaum als Ausländerin auf. Abhängig vom Bildungsgrad der Person, mit der ich sprach, wurden mir die unterschiedlichsten Fragen gestellt: Ob es stimme, dass die Schweizer ruhig, ernst und etwas verschlossen seien, ob wir die Folgen der Klimaerwärmung auch bemerken würden, ob die Schweizerschokolade wirklich besser sei als die Brasilianische, ob in der Schweiz wirklich alles so gut funktioniere, ob es dort auch Favelas gäbe usw.
 

Immer wieder musste ich erklären, dass es in der Schweiz nicht das ganze Jahr fürchterlich kalt ist, sondern nur im Winter Schnee fällt, dass wir aber tatsächlich kein Meer und keine Strände besitzen, was oftmals zu ungläubigen Gesichtern führte. Oftmals wurde ich im Verlauf der Gespräche eingeladen, doch in Brasilien zu bleiben, denn obwohl viele Brasilianer an den Ungleichheiten, die in ihrem Land vorherrschen, leiden und sie sich auch darüber beschweren, dass viele Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollten, mögen die Brasilianer ihr Land und sind auch gerne bereit, die Vorzüge ihres Landes mit Ausländern zu teilen.

 
Im Kinderrechtszentrum Interlagos
 
Die Vorzüge meines Heimatlandes habe ich hier aber auch wieder klarer erkennen können: Die direkte Demokratie, die es uns erlaubt, über wichtige Fragen abzustimmen und die Volksvertreter zu wählen. Der Sozialstaat, der jedem Bürger das Recht auf ein Existenzminimum zusteht und dies auch umsetzt. Gut funktionierende Sozialversicherungen, die es verhindern, dass wir im Falle von Arbeitlosigkeit, Invalidität, Krankheit usw., durch die Maschen des Netzes fallen und uns bittere Armut droht. Die wohlgeordnete Bürokratie der Schweiz, die es jedem Bürger erlaubt, wenigstens einigermassen den Überblick zu behalten. Wie froh bin ich, über die Gesetze, die Gültigkeit besitzen und uns unsere Rechte garantieren usw.
 

Ja, wir haben es gut, in einer Welt, wo fast drei Billionen Menschen mit zwei Dollar oder weniger pro Tag auskommen müssen. Wir stehen auf der Gewinnerseite, konnten wir doch viele Früchte des Kapitalismus ernten. Die kapitalistische Akkumulation weniger Länder verursachen immer auch die Ausbeutung anderer Länder. Das angehäufte Kapital der wenigen verweigert der Mehrheit der Menschheit das tägliche Brot. In Brasilien leben ungefähr 177 Millionen Menschen. Von den aktiven Arbeitskräften gehen mehr als die Hälfte einer informalen Arbeit nach und verlieren damit jeglichen sozialen Schutz. Die soziale Ungleichheit im Land ist riesengross. Über 50 Prozent der Brasilianer verdienen bis zu zwei Minimallöhnen (ein Minimallohn heute = ca. 380 Reais), während 2.6 Prozent über 20 Minimallöhnen verdienen.

 
Im Kinderrechtszentrum Interlagos
 

Jahrhundertealte Herrschaftsstrukturen haben ihre Wurzeln in der Zeit der Kolonialisierung. Die brasilianische Gesellschaft ist in sich gespalten. Auf der einen Seite die feudale Oberschicht, die Reichen, die Grossgrundbesitzer… und auf der anderen Seite die Sklaven, die ausgebeuteten Arbeiter, die landlosen Bauern, das armgemachte Volk. Diese soziale Ungleichheit ist die wesentliche Struktur, welche die brasilianische Gesellschaft prägt. Und solche jahrhundertealte Strukturen lassen sich nicht leicht verändern… Dazu kommt ein zermürbender Bürokratismus: Undurchsichtige bürokratische Abläufe, unklare Zuständigkeiten, Überforderung oder Unwilligkeit der Beamten usw. lassen die Bevölkerung schier verzweifeln. So kam mir als angehende Sozialarbeiterin immer wieder zu Ohr, dass Leute auf der Gemeinde gar nicht angehört wurden oder sie auf unbestimmte Zeit vertröstet wurden.

 

Diese Aussichtlosigkeit und das sich ständige "Durchwursteln", machen es nicht einfacher, die Menschen, die in der Favela leben, für eine Gruppensitzung einzuladen. Vielen, so scheint es mir, leuchtet es nicht ein, dass ihnen aufschlussreiche Informationen oder die Kenntnisse ihrer eigenen Rechte, in ihrem Leben weiterhelfen können. Vielmehr suchen sie konkrete materielle Hilfe, was ich angesichts der jeweiligen Situationen auch nachvollziehen kann. Doch als ebenso wichtig, erachte ich die angestrebten Demokratisierungsprozesse, die die Bevölkerung mobilisieren sollen, an der Politik ihres Landes aktiv mitzuwirken und für ihre Rechte einzustehen.

 
Die Equipe im Kinderrechtszentrum Interlagos
 

Ich habe den Beruf der Sozialarbeiterin in Brasilien als ethisch-politisches Projekt kennengelernt, das eine gerechtere Gesellschaft anstrebt, indem die Menschenrechte geschützt und die Garantie der zivilen, politischen und sozialen Rechte umgesetzt wird. Das ganze Sozialwesen in Brasilien ist zur Zeit im Umbruch, die Reformen versprechen einen Aufbruch und ich glaube daran, dass es mit der Zeit gelingen wird, gerade auch durch die Sozialarbeiter/innen des Landes, das Angestrebte in die Tat umzusetzen.

 

Ich habe hier gelernt, schwierigste Problemlagen auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben, das heisst auch nicht aufzugeben. Zudem habe ich noch grösseren Respekt vor jedem Individuum entwickelt, das in seiner Lebenswelt steht und ein eigenes Verständnis für sie entwickelt hat. Darum werde ich auch den Schweizern mit der nötigen Gelassenheit begegnen, ohne mich z. B. an der kleinlichen Art oder der Eile, die möglicherweise einige von ihnen ausstrahlen werden zu stören…
 
In diesem Sinne verabschiede ich mich von den Lesern meines Tagebuches. Für Fragen oder Rückmeldungen darf man mir gerne schreiben: andreajost_ch@yahoo.de
 

Mein Studienort an der PUC - São Paulo

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Ciao