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Hinter der Maske den Menschen entdecken: lernen mit den Töpferinnen
des Vale do Jequitinhonha - Minas Gerais
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Ein Mensch, eine Person: ein Leben mit eigener Identität, das an Menschlichkeit
gewinnt je tiefer es Teil ist im organischen Netz der Beziehungen des
Lebens.
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Ein Mensch, eine Person: doch 'Person' kommt vom lateinischen 'persona'
und heisst Maske. Eine Maske, die meine zutiefst persönliche Subjektivität
schützt, die mich jedoch auch individualistisch „verinseln“ und isolieren
kann.
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Eine Maske ist ein Filter, der manifest wird in der Kommunikation zwischen
Personen, zwischen Menschen, zwischen Gruppen, zwischen Kulturen. Zwar
ist sie durchlässig, doch kann sie auch verstecken und verbergen.
Sie pendelt zwischen den Polen der Bejahung der spezifischen Eigenheit
und dem angepassten Treiben im überwiegenden Fluss der Dinge und im scheinbar
gegebenen Drang der Zeit.
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Oft ist die angepasste Kommunikation reine Überlebensstrategie. Ihr begegne
ich täglich im Gespräch mit Jugendlichen im Kinderrechtszentrum. Sie werden
chronisch durch Gesellschaft und Staat ausgeschlossen, die Antwort auf
ihre Revolte ist systematisch Gewalt und Repression. Aus Angst vor immer
mehr Gewalt und Repression passen sie sich an. Sie sagen, was der Gesprächspartner
hören will. Ihre gemachten Lebenserfahrungen beweisen, dass ihr Misstrauen
gegenüber dem anderen zutiefst berechtigt ist.
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Erfahrungen ermöglichen, welche das Vertrauen zum andern wieder glaubwürdig
machen, ist die wichtigste Herausforderung in der sozialpädagogischen
Arbeit des Kinderrechtszentrums. Denn Vertrauen zum andern gewinnen heisst,
wiederfinden den Mut sich selber zu sein und zur eigenen „Andersheit“
zu stehen: als bereichernder Teil des Ganzen, als spezifische Identität
im Netz des Lebens.
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Die Isolation der Maske überwinden, die Offenheit zwischen Menschen ermöglichen,
das Verständnis der je eigenen und spezifischen Wirklichkeit fördern...
Nur so sind Begegnungen zwischen Menschen möglich. Nur im Austausch des
Seins hinter der Maske („persona“) werden wir persönlich, werden wir menschlicher.
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Der Besuch im Vale do Jequitinhonha bei Töpferinnen in Turmalina – Minas
Gerais zeigt eindrücklich, wie wichtig die Nähe des gegenseitigen Verständnisses
ist. Die Töpferinnen formen aus Lehm Objekte, die Spiegel sind ihrer gelebten
Wirklichkeit. Am liebsten formen sie den traurigen Blick der Braut in
wunderschön weissem Kleid und die stützende Mutter mit Kind im Arm. Warum
nur die Braut und kaum je ein Bräutigam, frage ich. Die Braut ist viel
schöner, rechtfertigen die Töpferinnen. Also eine reine Option ihrer ästhetischen
Arbeit an Figuren aus Lehm? Nur scheinbar!
Hinter der traurigen Braut liegt das Leiden eines Volkes. Das Tal des
Jequitinhonhas wird oft als Tal des Hungers bezeichnet.
Geplagt durch die Trockenheit des Nordostens Brasiliens, wandern die
Männer jedes Jahr für Monate nach São Paulo, um in der Ernte des Zuckerrohrs
zu arbeiten.
Viele gehen, lassen ihre Familien zurück und kehren nie wieder heim.
Die traurigen Bräute sind nicht einfach wunderschönes Kunsthandwerk.
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Sie sind Symbol einer sozialen Wirklichkeit. Durch die traurigen Bräute
zeigen die Töpferinnen ihr Leben hinter der Maske.
Unsere Herausforderung ist es, ihre Botschaft zu verstehen und mit ihnen
zu kämpfen für die Würde des Lebens im Vale do Jequitinhonha und in allen
Tälern der Welt...
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Bilder: Denise da Veiga und Beat Wehrle
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