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Neun Monate Erwartung
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| Pérola Boudakian Neves de Oliveira – Psychologin und Sozialpädagogin
im Kinderrechtszentrum Interlagos |
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Neun Monate Erwartung. Neun Monate Gemeinschaft mit einem wachsenden
Leben in mir, das sich vorbereitet, die Welt kennen zu lernen. Ein Leben,
das meinen Körper verändert und mit ihm auch meine Weise, die Welt zu
verstehen. 270 Tage, 6480 Stunden, 388’800 Minuten, und ich konnte mir
trotzdem keine Vorstellung machen. Meine Gefühle waren unvorstellbar,
als ich sein erstes Weinen hörte: Mein Leben hat sich verändert! Das war
das erste, was mir durch den Kopf ging. Und schon spürte ich sein warmes
Gesicht neben dem meinen: Die zarteste Haut der Welt! Zerbrechliches Leben,
das ausbricht wie eine Explosion! Er war es, der in meinem Bauch drin
war... Dieser Kleine war es, der sich in mir drehte und drückte. Er war
es, der mich die ganze Zeit begleitet hatte. Jetzt kannte ich ihn weniger
als eine Minute, und ich liebte ihn doch mehr als alles. Ich konnte mir
nicht vorstellen, dass durch die Geburt von Felipe alles heller, farbiger
und lebendiger werden würde. Und gleichzeitig empfand ich die Welt als
erschreckender. Das Leben hatte noch nie vorher so grosse Wichtigkeit,
so grossen Wert.
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Ich bin Psychologin und begleite Kinder und Jugendliche im Kinderrechtszentrum
Interlagos. Mutter zu sein hat meine Optik als Sozialpädagogin verändert,
bereichert, erweitert… Jetzt beginne ich den Schmerz der Mütter zu verstehen,
die ihre Kinder in Jugendgefängnissen eingepfercht und in ihren Rechten
verletzt wissen. Ich verstehe das Leiden der Mutter, die ihren Sohn an
die Drogen verliert, der sich aufhängt in den Maschen der Gewalt: ohne
Erziehung, ohne Kultur, ohne Sport und Vergnügen, ohne Staat, der seine
Rechte sichert. Jetzt vielleicht verstehe ich die Resignation und die
Tränen der Mütter, die mir von ihren schwierigen Beziehungen zu ihren
Kindern erzählten. Doch den Schmerz jener Mütter, deren Kinder ihr Leben
verlieren als Opfer der Gewalt, der Kriminalität und der Absenz des Staates,
ihren Schmerz kann und will ich mir nicht vorstellen.
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Darum empfinde ich die Welt erschreckender. In unserer Gesellschaft bleiben
die Kinder und Jugendlichen nur auf dem Papier Priorität. Zuhause, auf
der Strasse, in den Schulen... haben sie nicht den Platz, der ihnen gebührt.
Die Logik der Regierungen sieht sie als Problem. Und die Gesellschaft
schliesst ihnen am Lichtsignal die Scheiben der Autos oder gibt ihnen
eine Münze, um die bewusste Schuld der verweigerten Rechte zu kompensieren.
Nein! Kinder sind Leben! Sind Möglichkeiten! Bedeuten den Bau einer Zukunft
und einer würdigeren Gegenwart. Sie haben Recht auf ihre Rechte!
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Ich spüre meinen Kleinen auf meinem Arm und fühle mich bestätigt, mich
auch weiterhin für Veränderungen einzusetzen. Als Mutter fühle ich die
Tiefe einer Liebe, die ich mir so nie vorstellen konnte und auch heute
kaum in Worte fassen kann. Doch ich will, dass diese Liebe auch in der
Arbeit mir Sinn und Richtung gibt. So versuche ich als Sozialpädagogin
und Mutter, mein Wissen mit dieser Liebe zu verbinden, um wirkliche Veränderung
zu finden.
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