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Schon lange brodelt es in Brasilien, seit langem ist São Paulo ein Dampfkochtopf.
Das Kinder-rechtszentrum Interlagos kennt diese Hitze und diesen Überdruck
aus seiner alltäglichen Arbeit mit Jungendlichen und Familien in Favelas
und am Rande der Südzone von São Paulo.
So stehen wir ganz an der Front der Ereignisse des vergangenen Wochenendes.
Über siebzig Tote, sechzig ausgebrannte Busse, zehn zerstörte
Bankagenturen, über hundert Anschläge auf Polizeistationen,
über 250 Geiseln in Gefängnisrebellionen... Auch heute Montag
(15.05.06) gehen die Anschläge auf Bankagenturen und auf öffentliche Busse
weiter. Ganz in der Nähe des Kinderrechtszentrums sind heute Morgen zwei
Busse ausgebrannt.
Doch woher kommt dieser massive Ausbruch der Gewalt?
Die sich überschlagenden Wellen der Gewalt kommen weder plötzlich noch
überraschend. Aus der Optik der Weltpolitik ist Brasilien ein sich entwickelndes
und modernisierendes Land. Die wirtschaftlichen und sozialen Statistiken
deuten ein langsames Auftauchen aus dem Sumpf des Elends und der Armut
an. Doch die hinter den Statistiken versteckte Wahrheit ist die tiefe
Ungleichheit, welche das eine Volk in verschiedene Gruppen zerreisst.
Und genau dort, wo diese perversen Gegensätze zwischen opulentem Reichtum
und aussichtsloser Armut aufeinander prallen, blitzt und donnert die Gewalt.
Einzig die Stadt São Paulo konzentriert mehr als ein Drittel aller in
Brasilien straffällig gewordener Jugendlichen. Und selbst innerhalb der
Stadt wiederholt sich die gleiche Tendenz: die grösste Zahl straffällig
gewordener Jugendlichen sind nicht am absoluten Rande der Peripherie zu
finden, sondern genau in jenen Quartieren, wo der Stadtrand dem Zentrum
"begegnet", wo der amerikanisierte Konsumismusboom auf die Ausweglosigkeit
der Elendsviertel prallt.
Und die einzige, universal gegenwärtige "Sozialpolitik" ist der repressive
Apparat der Militärpolizei. In den nächsten Wochen veröffentlicht das
Kinderrechtszentrum Interlagos eine Studie, die in eindrücklicher Weise
aufzeigt, wie brutal und widerrechtlich das vermeintliche Ziel der "öffentlichen
Ruhe und Sicherheit" verfolgt wird. Folter und Tortur gehören zu den alltäglichen
Arbeitsinstrumenten...
Aus politischer Sicht lebt Brasilien in einer funktionierenden Demokratie,
doch die sozial-wirtschaftliche Struktur folgt weiterhin einem diktatorialen
Rhythmus. Die sich multiplizierenden Gewinnquoten der Banken und Börsen
kontrastieren auf perverse Weise mit den immer mehr reduzierten Investitionen
in effektive Sozialpolitik.
Und irgendwann geht eben diese Rechnung nicht mehr auf... Die orchestrierten
Anschläge auf die Militärpolizei (bis jetzt wurden nur am vergangenen
Wochenende über dreissig Polizisten erschossen), die Rebellionen in den
überfüllten Gefängnisse für Erwachsene und Jugendliche sind nichts weiter
als die konsequenten Folgen einer unsinnigen Politik der Ausbeutung und
der sozialen Apartheid.
Das Kinderrechtszentrum ist sich der explosiven Situation bewusst. Zusammen
mit den sozialen Bewegungen Brasiliens versuchen wir, auf gewaltlose Weise
und in kreativer Form Alternativen zu zeigen und neue Wege zu bahnen.
Die Zeit drängt und die historische Geduld des brasilianischen Volkes
geht zu Ende. Entweder setzen die lokalen Regierungen auf diesen Weg der
Veränderung, auf die Option für die Menschenrechte aller, auf den Zugang
aller zu Erziehung und Gesundheit, Arbeit und würdigem Einkommen, oder
die Gewalt wird weiter wachsen und der Einfluss von Drogenhandel und organisiertem
Verbrechen wird noch grösser werden...
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